Leseprobe
Kapitel 1
„Nicht qualifiziert!“
Die Worte rauschten durch mein Gehirn. Nicht qualifiziert. Ich konnte es kaum fassen. So viele Stunden hatte ich geübt, wieder und wieder auf Tonband aufgenommen, abgespielt und für gut befunden. Ich war fleißig, mit jedem Üben wurde ich besser. Die anderen gaben mir ähnliche Rückmeldungen. Ich konnte mit meiner Stimme Menschen berühren. Wie konnte das passieren? Ich kannte den Text, ich kannte die Noten und die Einsätze. „The Circle of life“ – der Kreislauf des Lebens. Und dann, im wichtigsten Moment, versagte meine Stimme. Ein einziger, zögerlicher Ton, irgendwo zwischen kehligem Vibrato und panischer Selbstaufgabe. Ein Ton, der nicht einmal den Raum erfüllte, sondern wie ein scheuer Vogel gegen eine gläserne Wand flatterte. Kurz, kläglich und verwirrt. Dann kam der nächste. Und mit ihm mein Absturz. Mit einem Herz, das gegen den Brustkorb hämmerte wie ein wild gewordenes Metronom. „Nicht qualifiziert“. Schon wieder.
Ich verbeugte mich. Natürlich verbeugte ich mich. Denn Höflichkeit war der letzte Taktstock meiner selbstgeformten Erziehung. Ich ging von der Bühne, mit schlotternden Knien, einem verschwitzten Rücken und kam zu der Überzeugung: „Ich bin nicht gut genug.“ „The Circle of Life“. Ironisch, dachte ich später. So zirkulär wie mein Lebenslauf. Und während Elton Johns monumentale Melodie irgendwo in meinem Hinterkopf ein Orchester auslöste, versagte mein Körper auf der Bühne die Zusammenarbeit.
Ich konnte kaum in Worte fassen, was alles in mir vorging. Zittern, Enttäuschung, Selbstzweifel, Kaltschweißigkeit. Der Druck fiel ab, die Stimme erstarkte. Es war zu spät. Das flaue Gefühl im Magen wurde heftiger. Dieselben Muster, dieselben Momente. Ich hasste es. The Circle of life – der Kreislauf meines Lebens – wann hört er auf? Wann werde ich ihn endlich durchbrechen?
Im Umkleideraum des Theaters roch es nach antikem Klavier, kaltem Kaffee und Frust. Zumindest empfand ich das so. Ich setzte mich, die Beine drohten wegzusacken. Gegenüber stand ein Spiegel, in dem ich mich betrachten konnte. Und mein Spiegelbild starrte frustriert und ängstlich zurück wie eine überforderte Erstsemesterin in der Statistikvorlesung. „Wie konnte das passieren?“, flüsterte ich mir selbst zu.
Ich hatte doch geübt. Tränen rannen über meine Wangen.
Mein Handy brummte unentwegt: „Wie war es?“ „Melde dich, wenn du fertig bist!“ „Toi, toi, toi!“ „Hast du es geschafft?“ Ich nahm es und tippte einer Freundin: „Es war furchtbar. Ich hab’s verkackt.“ Dann kam zurück: „Du bist trotzdem wundervoll.“ Ich weinte noch mehr. Denn dieser Satz war wie der falsche Akkord nach einem zu schönen Refrain. Ich fühlte mich nicht wundervoll. Ich fühlte mich … dissonant.
Der Heimweg war ein inneres Hörspiel aus Vorwürfen. Ein ganzes Orchester aus Selbstkritik, das sich aufspielte in Mahlerscher Dramatik.
„Warum mache ich das eigentlich alles?“
„Was bilde ich mir ein?“
„Ich bin zu alt, zu chaotisch, zu durchschnittlich.“
Zu Hause angekommen, schleuderte ich meine Tasche achtlos in die Ecke. Jede Bewegung war schwer, als laste all das Missgeschick dieses Tages bereits auf meinen Schultern. Ich ließ mich auf die Couch sinken, fühlte, wie die Kissen nachgaben, und wickelte mich fest in eine Decke, so, als könnte sich ihre Wärme wie ein schützender Kokon um mich legen. Für einen Moment wollte ich darin einfach verschwinden, den Tag auslöschen, das peinliche Solo ungeschehen machen, das niemand hatte hören wollen.
Die Minuten dehnten sich. Ich merkte kaum, wie lange ich dort lag. Keine Tränen mehr, kaum Regung, bis auf das ungleichmäßige Atmen. Mein Innerstes tobte. Die Dämmerung schlich ins Zimmer, warf Schatten an die Wände, während der Tag draußen zur Ruhe kam.
Irgendwann, und für mein Empfinden mussten es Stunden gewesen sein, knackte es endlich im Schloss. Der vertraute Klang ließ mein Herz schneller schlagen. Mein Mann betrat die Wohnung, und noch ehe er die Tür ganz hinter sich geschlossen hatte, fiel ich ihm um den Hals. Endlich konnte ich mich meinen Gefühlen hingeben, nicht länger stark tun, sondern das Erlebte loswerden. Till spendete mir den Trost, den ich so sehr brauchte. Er drückte mich lange einfach nur. Ich stand da, geliebt, getröstet und dennoch völlig neben mir. „Jetzt mal ganz langsam und von vorne, bitte. Setz dich!“, befahl er mir liebevoll. Wir gingen zurück ins Wohnzimmer und nahmen gemeinsam Platz auf dem Sofa. Dann begann ich mein Erlebtes zu verarbeiten.
„Ich stand an fünfter Position. Es gab einen Raum, in dem man sich einsingen konnte.“ Ich zog mir die Teetasse näher heran, meine Hände umklammerten sie wie einen Rettungsring. Mein Mann saß mir gegenüber, den Blick fest auf mich gerichtet. Er sagte nichts. Und so redete ich weiter.
„Ich weiß nicht … Vielleicht war ich übermütig. Ich meine, klar, ich hab die Töne getroffen. Unter der Dusche jedenfalls. Und im Chor. Hinten im Sopran, da war ich stark. Meine Chorleiterin hat mich doch sogar ermutigt,
mich zu bewerben! Sie meinte, ich wäre gut genug für den Theaterchor. Aber ich habe halt noch nie allein vor Leuten gesungen, außer beim Eintritt in den Chor damals, kurz. Und das war auch schon schlimm für mich.“
Ich hörte, wie Grumpycat in meinem Kopf schnaubte. „Übermütig trifft’s genau. Wer glaubst du eigentlich, wer du bist? Die nächste Maria Callas vielleicht?“ Ich ignorierte sie, atmete tief durch.
„Ich habe meine Übungen gemacht und bin mit beiden Beinen hoch und runter gehüpft. Soll angeblich den Testosteronspiegel heben, die Angst lösen und Mut machen. Habe ich mal in irgendeinem Ratgeber gelesen. Zwischen Opernwand und Notenständer bin ich also auf- und ab gehüpft wie ein panisches Huhn vor dem Metzger.“
Mein Mann schmunzelte vorsichtig. Ich merkte, er wollte nicht lachen, obwohl er es gern getan hätte. „Und dann saß ich da, in diesem stickigen Flur, alle mit ihren Notenmappen, alles Profis oder zumindest Profis in Ausbildung. Ich hab mich so klein gefühlt. Ich lauschte der Nummer drei. Die war … göttlich. Ihre Stimme glitt über die Töne wie ein warmes Messer durch weiche Butter. Ich dachte nur: ‚Okay, das war’s.‘“
„Na, endlich mal realistische Gedanken“, höhnte Grumpycat. „Die anderen haben halt Talent. Du hast nur Träume und einen großen Sack voller Selbstzweifel, die ich dir ins Ohr flüstere.“
Ich fuhr mir durch die Haare, rieb mir die Stirn und schüttelte mich.
„Und dann, direkt neben mir, diese junge Frau mit der makellosen Stimme. Ich dachte nur: Kling ich auch so? Ich meine, ich wusste, ich kann singen. Aber nicht so. Ab diesem Moment war alles weg. Nur noch Herzklopfen und Knoten im Bauch.“
Till nickte nur und schob mir meine nur noch lauwarme Wärmflasche zu. „Und dann?“, fragte er sanft.
„Dann kam Nummer vier. Ich konnte nicht mehr zuhören. Ich habe nur noch Grumpycat gehört. Sie hat sich richtig ins Mikro meiner Gedanken geschrien: ‚Du bist hier fehl am Platz. Hör auf mit dem Gejaule! Weißt du eigentlich, wo du herkommst? Das ist alles ne Nummer zu groß für dich!‘ Und weißt du was? Ich habe ihr geglaubt. In dem Moment … habe ich ihr geglaubt.“
Ich sah zu ihm hoch. Er schaute mich mit diesem Blick an – halb Stolz, halb Zorn auf alles, was mich so zweifeln ließ. Ich wusste, er würde Grumpycat am liebsten eigenhändig vor die Tür setzen. „Ich bin trotzdem weitergehüpft. Ein letzter Versuch, mein Selbstwertgefühl hochzupumpen wie einen platten Fahrradreifen. Aber innerlich war ich schon längst geplatzt.“
Till sprach eine Vermutung aus: „Und dann wurdest du aufgerufen.“
Ich nickte stumm. Ein Moment lang war es still zwischen uns. Ich sah in meine Tasse, als könnte sie mir den nächsten Teil ersparen.
„Ich ging durch diesen samtroten Vorhang. Mein Körper war da, aber ich … ich war nur noch Hülle. Mein Schritt war steif, meine Beine wackelten, mein Hals zugeschnürt. Der Pianist fing an. Ich holte tief Luft … und … nichts. Nur ein Krächzen. Als hätte ich versehentlich eine Krähe in meinem Kehlkopf geparkt.“ Er griff nach meiner Hand. „Und hast du es nochmal versucht?“ „Ja. Ich weiß nicht mal, wie. Die Jury war freundlich, sie meinten: ‚Wir starten nochmal.‘ Ich wollte, wirklich. Ich wollte es so sehr. Ich habe ein- und ausgeatmet. Aber es kam wieder nichts. Also … etwas kam schon, aber das war kein Ton. Und dann … kam dieser Satz.“ Ich atmete tief. „‚Sie sind leider nicht qualifiziert. Versuchen Sie es in sechs Monaten erneut.‘“
Grumpycat schnurrte sarkastisch: „Hab ich doch gesagt. Nicht qualifiziert. Weder für die Bühne noch für große Träume.“
Ich schloss die Augen. Es fühlte sich an, als würde der Moment erneut auf mich herabstürzen wie ein schlecht gesicherter Bühnenvorhang.
„Ich bin einfach gegangen. Mit gesenktem Blick. Kein Applaus, kein Lächeln. Nur ich. Und Grumpycat auf meiner Schulter, die mir ins Ohr geflüstert hat: ‚War doch klar, du Pfeife.‘“
Er sah mich an. Seine Stimme war leise, aber bestimmt: „Lass dich drücken! Ich weiß, was du kannst. Unter der Dusche trällerst du immer so fröhlich und es klingt toll.“
„Ich habe versagt, Till.“ antwortete ich ihm völlig entmutigt.
„Du hast es versucht. Und das, was du heute ‚Versagen‘ nennst, kannst du üben. Das wird immer besser, ganz bestimmt. Du musst es nur wollen!“ Grumpycat schnaubte verächtlich. „Was für ein Pathos. Fehlt nur noch das Disney-Finale.“
Ich zog die Wärmflasche an mich und lächelte schwach.
Mein Mann stand auf und ging in die Küche. Als er zurückkam, hatte er ein Schoko-Croissant in der Hand. „Lass uns drüber schlafen. Ich hole jetzt die Kinder ab und du kuschelst dich schon mal ins Bett. Morgen ist es nur noch halb so schlimm, bestimmt!“
Die Stunden danach zogen sich wie Nebel, während die Dunkelheit der Nacht schwer auf mir lastete. Ich konnte nicht schlafen, während Till leise schnarchend neben mir lag. Diese Nacht war kurz für mich, die Erlebnisse hallten nach. Jede einzelne Szene spielte sich wieder und wieder in meinem Gehirn ab. Der Versuch, in jener Nacht das Geschehene zu ordnen, brachte keine Ruhe, sondern eine tiefe Leere. Die Stille um mich herum war erdrückend und doch war es die Lautstärke meiner eigenen Gedanken, die mich am meisten quälte. Ich wälzte mich von einer Seite zur anderen. Nach Stunden der Wortlosigkeit stand ich auf, ging ins Arbeitszimmer, knipste die kleine Schreibtischlampe an und begann zu schreiben. Erst ohne Plan. Schließlich mit Wut. Ich kratzte Wörter in mein Tagebuch, als wolle ich Spuren auf Papier hinterlassen, wenn ich schon keine auf der Bühne hinterlassen hatte:
„WIEDER DIESE MUSTER.
WIEDER DIESE ANGST.
WANN HÖRT DAS AUF?“
Ich schrieb, als könnten meine Worte selbst die schrägen Töne meines inneren Chaos zu einer Melodie formen. Es war ein Versuch, Ordnung zu schaffen, Harmonie zu finden in einem Wirbel aus Gedanken, die wie wildes Feuer umherzuckten. Ich schrieb über alte Glaubenssätze, tief in mir vergraben: dass man nur geliebt wird, wenn man liefert. Dass Perfektion alle Türen öffnet. Dass ich nicht genug bin.
Ich wollte, dass die unsichtbaren Ketten meiner alten Überzeugungen langsam zerbrachen. Vor Wut drückte ich den Stift so heftig auf das Papier, dass die Wörter wie ein Sturm aus mir herausbrachen. Meine Finger drängten über die Seite, ich kritzelte umher, bis das Blatt schließlich nachgab und riss. „Wie willst du das schaffen? Hör doch einfach auf zu träumen, bleib bei deinem durchschnittlichen Leben. Du bist doch zufrieden! Das reicht doch völlig“, säuselte Grumpycat selbstzufrieden und hämisch lachend in mein Ohr. Ich sprang vom Stuhl auf, ging ins Bad und kühlte mein Gesicht mit kaltem Wasser ab.
Als die Nacht endlich vollständig vorbei war, begann ich mit dem Morgenritual. Frühstück vorbereiten, Brotdosen bereitstellen, Familie wecken. Ich schüttelte die Anspannung der Nacht ab. Als wäre das alles nicht passiert. Das Herz pochte im Takt der Rockmusik aus dem Radio. Ich wusste nicht, wie ich den heutigen Arbeitstag überleben sollte, aber es gab auch keinen Grund, zu Hause zu bleiben, fand ich. Also setzte ich mein gewohnt fröhliches Lächeln auf und legte meinen Groll ab.
So stand ich in der Küche, die Kontrolle über mich selbst zurückerobernd. Der mitreißende Rhythmus der Foo Fighters brachte meine gute Laune zurück. In diesem Moment gab ich mir selbst das Versprechen, Grumpycat zu verscheuchen, mein Leben endlich in die Hand zu nehmen und für mein eigenes Glück und meinen Erfolg zu kämpfen. „Deine Dämonen wirst du vielleicht los, mich aber nicht. Ich klebe an dir wie Kaugummi unter einem Schuh und halte mich so hartnäckig wie die letzte Socke, die nie aus der Waschmaschine auftaucht“, hörte ich Grumpycat von meiner rechten Schulter warnen. „Ich nehme den Kampf auf! Ich bin so sauer auf dich! So geht das nicht weiter“, sagte ich und zog mir gedanklich meine Boxhandschuhe an. proof_
